Mesotherapie bei Sportverletzungen und Überlastungsschäden

aus: Die Naturheilkunde, Heft 5-2018, Mai 2018
von: Dr. med. Britta Knoll

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Dr. med. Britta Knoll

Bei der Behandlung von Sportverletzungen kann es hilfreich sein, auf ein therapeutisches Verfahren zurückzugreifen, das lokal und gezielt eingesetzt wird, sich nicht systemisch auswirkt, den Einsatz von NSAR deutlich reduziert und keine Glukokortikoide benötigt. Ein solches Verfahren ist die Mesotherapie.

Sportverletzungen und chronische Überlastungen stehen in einer engen Korrelation: Verletzungen beim Sport können durch ein akutes Trauma entstehen, danach chronifizieren oder von vornherein chronischer Natur sein. Sind sie chronisch, dann liegt immer eine Überlastung vor. Der Umkehrschluss gilt jedoch nicht: Überlastungsschäden entstehen in der Regel durch normale Alltags- oder Arbeitsaktivitäten und seltener beim Sport.

Die Techniker Krankenkasse hat unlängst die häufigsten Sportverletzungen aufgelistet [1]. Hierzu zählen – anatomisch von unten nach oben aufgeführt – der Fersensporn, der Achillessehnenriss, die Sprunggelenksfraktur, der Knöchel-Außenbandriss, Chondropathia patellae (Schmerzsyndrom der Kniescheibe), Meniskusschäden am Knie, Bursitiden (Schleimbeutelentzündung) , die distale Radiusfraktur und die Epicondylitis radialis („Tennisarm“).

Die häufigsten Verletzungen treten demnach an den Extremitäten auf. Ursächlich sind entweder das akute Trauma in Form von Sehnen(an)rissen, Knorpelschädigungen oder gar Frakturen, oder die Folgen chronischer Entzündungen. Letztere sind natürlich nicht nur Sportlern vorbehalten. In der TK-Liste fehlen die sehr viel häufiger vorkommenden Verstauchungen, Prellungen und Muskelzerrungen, weil viele Sportler solche leichteren Verletzungen in Selbstmedikation behandeln.

Nach einer globalen Erfassung von Sportverletzungen in Deutschland aus dem Jahr 2008 handelt es sich bei knapp 60 % um Gelenkluxationen, Distorsionen oder Bandrupturen. Der Anteil an Frakturen beträgt 17,5 % und über 80 % aller Sportverletzungen werden durch einen Sturz verursacht [2].

Etwas anders sind die Daten einer Studie aus 2014, die über 200.000 Sportunfälle in Vereinen mit der Notwendigkeit einer ärztlichen Konsultation über einen Zeitraum von 25 Jahren untersuchte. Hier zeigt sich, dass „insbesondere bei Kindern Verletzungen des Kopfes und der oberen Extremitäten vorherrschend sind (...). Im mittleren Altersbereich (15 bis 60 Jahre) dominieren Verletzungen der unteren Extremitäten. Bei Seniorinnen und Senioren im Alter von über 60 Jahren (...) kommt (es) stattdessen vermehrt zu Verletzungen der oberen Extremitäten, des Kopfes sowie von Rumpf/Hüfte.“

Interessant an den Daten ist auch die Geschlechterverteilung: „Im Gesamtkollektiv lässt sich bei den Unfällen ein Verhältnis zwischen Männern und Frauen von etwa 3:1 beobachten, d. h. 73,5 % der Verunfallten sind Männer“ [3]. So unterschiedlich – auch hinsichtlich ihrer Schwere – Sportverletzungen sind, so verschieden sind auch deren klassische Behandlungsmöglichkeiten.

PECH-Regel kritisch betrachtet
Die sog. PECH-Regel, mit der als Erste-Hilfe-Maßnahme Sportverletzungen oft behandelt werden, wird mittlerweile kritisch gesehen. PECH steht für Pausieren, mit Eis kühlen, Comprimieren (sic!) und Hochlagern. Denn bei Sportverletzungen gilt das Kühlen – soweit es nicht unmittelbar und nur kurzfristig erfolgt – als kontraindiziert, ebenso wie das Komprimieren der Verletzung: Beide Maßnahmen unterdrücken die für die Wundheilung notwendige Hyperämie, Schwellung und Entzündung.

Heute weiß man, dass Entzündung und Schwellung dieWundheilung einleiten, dass das Unterdrücken von Schmerzen die physiologischen Prozesse im Körper stört. Außerdem können langes Pausieren und Hochlagern kontraindiziert sein, da eine funktionelle Belastung den Heilungsprozess einer verletzten Struktur üblicherweise beschleunigt.

Verletzungen therapieren
Grundsätzlich hat die Behandlung von Verletzungen – hier konkret von Sportverletzungen und Überlastungsschäden – zum Ziel, den Heilungsprozess zu fördern, Symptome wie Schmerzen, Entzündungen und Schwellungen zu beseitigen und die abhanden gekommenen oder eingeschränkten Funktionen wiederherzustellen.

Dabei wird je nach Verletzung und Schweregrad zwischen konservativer und operativer Behandlung unterschieden. Letztere kann angezeigt sein u. a. bei Fraktur, mehrfachem Bänderriss, Meniskusriss und Bursitis (Bursektomie).

Verbände, Castverbände, Schienen, Orthesen und andere Hilfsmittel unterstützen die Phase der Ruhigstellung. Im Sinne einer den Heilungsprozess beschleunigenden funktionellen Belastung ist bei vielen Verletzungen anschließend bzw. postoperativ der Einsatz der Physiotherapie, bzw. der physikalischen Therapie sinnvoll.

Verletzungssymptome werden üblicherweise mit nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt. Diese lindern den Schmerz, hemmen die Entzündung und senken die Temperatur. Problematisch sind bekanntermaßen deren Nebenwirkungen, insbesondere weil sie die Bildung von Magenschleim blocken, was mittelfristig die Magenschleimhaut schädigt und zu Geschwüren führen kann. Zudem gibt es Hinweise [4, 5], dass bestimmte NSAR (COX-2-Hemmer) die enchondrale Ossifikation hemmen und daher bei Knochenbrüchen kontraindiziert sind. Generell steigert diese Arzneimittelgruppe das Risiko für, auch schwere, kardiovaskuläre Komplikationen.

Gerade chronische Entzündungen (Überlastungsschäden) werden häufig mit Glukokortikoiden behandelt. Auch wenn die heutigen Präparate besser verträglich sind und vor allem bei Kurzzeit-(Stoß-)Therapie geringere Nebenwirkungen haben, bleibt eine mittel- bis langfristige Glukokortikoidbehandlung problematisch. Topisch kann sich eine Pergamenthaut oder eine Steroidakne bilden, systemisch können neben Wassereinlagerungen im Gewebe u. a. auch Bluthochdruck, Diabetes und Osteoporose folgen. Zudem muss eine Glukokortikoidbehandlung langsam ausgeschlichen und darf keinesfalls abrupt beendet werden.

Aufgrund der geschilderten Problematiken kann es daher hilfreich sein, auf ein therapeutisches Verfahren zurückzugreifen, das lokal und gezielt eingesetzt wird, sich nicht systemisch auswirkt, den Einsatz von NSAR deutlich reduziert und keine Glukokortikoide benötigt. Ein solches Verfahren ist die Mesotherapie.

Mesotherapie
Die aus Frankreich stammende Mesotherapie ist ein minimalinvasives Verfahren, bei dem Wirkstoffe über kurze und feine Kanülen in die Haut direkt am zu behandelnden Ort eingebracht werden. Der Vorteil hierbei: Die Wirkstoffe können umgehend dort wirken, wo sie gebraucht werden. Da sie topisch und gering dosiert verabreicht werden, bleibt eine systemische Wirkung aus. Auch gelangen sie nicht in den enterohepatischen Kreislauf, der Magen und die Entgiftungsorgane werden schont. Die Verabreichung direkt vor Ort erzielt mit kleinsten Mengen an Wirkstoffen ausreichende Wirkspiegel im Gewebe (Haut-Bindegewebe, Muskeln, aber auch intraartikulär). Das macht die Mesotherapie zu einem gut verträglichen und gleichzeitig sehr wirksamen Verfahren. Im Leistungssport kommt sie schon seit langem regelmäßig zum Einsatz. Viele Profisportler und Sportärzte kennen und schätzen sie, zumal sie neben der beschleunigten Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit auch Vorteile bezüglich der Doping-Vorschriften bietet.

Wirkstoffe
Als Wirkstoffe kommen verdünnte Allopathika, Homöopathika, Phytopharmaka, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente zum Einsatz. Sie sind überwiegend natürlichen Ursprungs und gut verträglich. Allopathika werden oft Off-Label eingesetzt, NSAR minimal dosiert verabreicht, Glukokortikoide gar nicht verwendet. Die ausgewählten Wirkstoffe werden vor jeder Behandlung individuell zusammengemischt. Ihre Auswahl erfolgt je nach Indikation und den spezifischen Bedürfnissen des Patienten. Als Trägerlösung dient meist ein Lokalanästhetikum, z. B. Procain.

Die schnelle und nachhaltige Wirkung der Mesotherapie ließ sich in Studien [6, 7, 8] nachweisen. Dazu wurde die mesotherapeutische Injektion eines Wirkstoffs in die Haut (= lokale Verabreichung) mit der Injektion in den Muskel (= systemische Verabreichung) verglichen. Es zeigte sich, dass sich bei der Injektion in die Haut auch nach Stunden noch höhere Wirkstoffkonzentrationen in Haut, Muskel und Gelenk nachweisen lassen, als nach einer intramuskulären Injektion.

Einsatz bei Sportverletzungen und Überlastungsschäden
Der sehr sparsame Einsatz von NSAR und der Verzicht auf Glukokortikoide macht die Mesotherapie zu einer verträglichen Alternative, wenn es darum geht, Schmerzen zu lindern und Entzündungen zu reduzieren. Bei Sportverletzungen und Überlastungsschäden kann die Mesotherapie daher überall dort eingesetzt werden, wo sonst mit klassischen Medikamenten die Symptome solcher Verletzungen behandelt werden.

Ihr Mehrwert: Die zu verabreichenden Wirkstoffmischungen lassen sich um Wirkstoffe ergänzen, die die Heilung selbst unterstützen und nicht nur die Symptome kurieren (z. B. Biostimulanzien, Stammzell-Aktivatoren oder Wachstumsfaktoren, Hyaluron und Bausteine für die Proteinsynthese).

Grundsätzlich sollte die Mesotherapie möglichst früh angewandt werden, um den Heilungsprozess zu fördern und eine funktionelle Belastbarkeit der betroffenen Struktur schnell wieder zu ermöglichen. Das setzt allerdings eine eindeutige Diagnose voraus, was bei komplizierte Bandverletzungen oder Frakturen erst mit bildgebenden Verfahren möglich ist.

Mesotherapeutische Mischungen, die bei Sportverletzungen und Überlastungsschäden typischerweise zum Einsatz kommen, beinhalten Procain oder Lidocain plus organisches Silicea als Trägerlösung, Pentoxiphyllin zur Verbesserung der Mikrozirkulation, Thiocolchicoside als Muskelrelaxans, sowie wenige Tropfen Piroxicam. Pentoxiphyllin wirkt vasodilatatorisch, entzündungshemmend und antisklerotisch.

Diese Mischungen können um weitere Medikamente und Wirkstoffe ergänzt werden, wie z. B. die homöopathischen Arzneimittel Traumeel, Zeel, Lymphdiaral, Pascoe-Agil HOM oder das Hormon Lachs-Calcitonin. Besonders bewährt hat sich auch der Einsatz von unvernetztem Hyaluron mit Vitaminen und Antioxidantien zur Schaffung eines hydrophilen Wundheilungsmilieus, sowie von patienteneigenen Blutpräparationen (PRP = plättchenreiches Plasma).

Behandlungsbeispiele
Knieschmerzen (Insertionstendopathie des Ligamentum patellae und Insertionstendopathie der Quadrizepssehne) Diese Verletzungen werden konservativ mit NSAR sowie physikalischer Therapie und Physiotherapie behandelt.

Mit deutlich geringeren Mengen an NSAR kommt hier die Mesotherapie aus, die sich trotzdem als sehr wirksam erweist. Behandelt wird alternierend mit je 1 ml Lidocain und Pentoxiphyllin, 0,5 ml Piroxicam, 0,5 ml Calcitonin 100 bzw. mit je 1 ml Lidocain und Pentoxiphyllin, 0,5 ml Traumeel und 0,5 ml Zeel, jeweils in einem Abstand von 1 Woche.

Injiziert wird rund um das Knie und in die Oberflächenprojektion des Ligamentum patellae oder der Quadrizepssehne, allerdings nur in die Haut und nicht in die verletzten Strukturen! Die Anzahl der Behandlungen ist abhängig vom Schweregrad der Verletzung.

Tennisellenbogen (Epicondylitis humeri radialis)
Dieser typische Überlastungsschaden, der keineswegs nur bei Sportlern auftritt, wird klassisch mit Ruhigstellung und physikalischer Therapie behandelt, gegen die Entzündung wird oft ein Glukokortikoid gespritzt, alternativ NSAR verabreicht. Die mesotherapeutische Behandlung erfolgt kombiniert: je 0,5 ml Lidocain und Pentoxifyllin, 0,2 ml Piroxicam, 0,2 ml Calcitonin 100. Ergänzend erfolgt eine lokale Muskelrelaxation mit einer 2. Spritze 1 ml Lidocain + 0,5 ml Miorel (Thiocolchicosid). Die Behandlung erfolgt 3-mal in einem Abstand von jeweils 1 Woche, anschließend je nach Bedarf.

Bursitis (Bursitis trochanterica)
Ist ein Trauma Auslöser der Bursitis, wird diese punktiert, ist die Ursache eine Überlastung, werden lokale Infiltrationen mit Glukokortikoiden durchgeführt. Physiotherapie und physikalische Therapie unterstützen die Behandlung.

In der Mesotherapie wird die Bursitis mit einer Wirkstoffmischung aus 2 ml Lidocain, 1 ml Dicynone, 0,3 ml Piroxicam und ggf. 0,2 ml Calcitonin behandelt. Die Behandlung erfolgt 3-mal in einem Abstand von jeweils 7 Tagen, anschließend bei Bedarf mit 14-tägigem Intervall.

Fazit
Die aufgeführten Beispiele zeigen auf, dass die Mesotherapie für die medikamentöse Behandlung akuter Sportverletzungen und Überlastungsschäden eine wirksame und schonende Alternative darstellt. Das Behandlungsprinzip folgt dabei dem Motto: wenig, selten und am richtigen Ort. Sie kann Sportler schnell wieder fit machen und Patienten mit Überlastungsschäden häufig zu einem beschwerdefreien Alltag ohne Einschränkungen verhelfen.

Ihre Anwendung – bei diesen wie auch anderen kurativen und präventiven Indikationen – erfordert allerdings ein hohes Maß an Fachkenntnis und Erfahrung, die Ärzte und Heilpraktiker in entsprechenden Fortbildungskursen erlernen können.

 

Literatur:

1] https://www.tk.de/techniker/gesund-leben/sport/sportverletzungen/typische-sportverletzungen-2006160 (abgerufen am 22.03.2018)
2] Seither B. Sportverletzungen in Deutschland. Eine repräsentative Studie zu Epidemiologie und Risikofaktoren. Dissertation, München 2008.
3] Henke T, Luig P, Schulz D: Sportunfälle im Vereinssport in Deutschland Aspekte der Epidemiologie und Prävention. Bundesgesundheitsblatt, 6/2014.
4] Paoloni J A, Milne C, Orchard J, Hamilton B: Non-steroidal anti-inflammatory drugs in sports medicine: guidelines for practical but sensible use. British journal of sports medicine, 2009. 43(11), 863–865.
5] Su B, O“Connor J P: NSAID therapy effects on healing of bone, tendon, and the enthesis. Journal of applied physiology, 2013. 115(6), 892–899.
6] MamucariMet al: Role of Mesotherapy in Musculoskeletal Pain: Opinions from the Italian Society of Mesotherapy, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine, Vol. 2012.
7] Binaglia L, Marconi P, Pitzurra M: Absorption of Naketoprofen administered intradermally. Giornale di Mesoterapia, vol. 1, pp. 85–91, 1981.
8] Pitzurra M et al: On the intradermal inoculation of antibiotics: some experimental data. Giornale di Mesoterapia, vol. 1, pp. 9–14, 1981.